Qualmen war gestern, unsere Schulhöfe jetzt im E-Dampf? - E-Zigarretten und E-Shishas

Jugend

Auf dem Foto: Die niederbayerischen Landtagsabgeordneten Ruth Müller, Johanna Werner-Muggendorfer und Bernhard Roos mit den Referenten der Veranstaltung Herrn Prof. Dr. Hubert Hautmann, Frau Ursula Weger, Herrn Jürgen Handschuch und Herrn Johannes Schimpfhauser, sowie der Stadtverbandsvorsitzenden  und Stadträtin Anja König und Kreisrätin Filiz Cetin.

Zur Regionalkonferenz der SPD-Landtagsfraktion unter dem Titel „Qualmen war gestern: Bayerns Schulhöfe im E-Dampf", begrüßte Ruth Müller in den Räumen des Landshuter Netzwerks neben ihren Kollegen Johanna Werner-Muggendorfer und Bernhard Roos, die Referenten des Abends Jürgen Handschuch (Landshuter Netzwerk e.V.), Prof. Dr. Hubert Hautmann (Klinikum rechts der Isar) und Ursula Weger (Schulleiterin Gymnasium Seligenthal), sowie eine Reihe Elternbeiräte „Mütter, Väter und Großeltern".

Erstmals sei im Landtag das Thema E-Shishas und E-Zigaretten im März 2014 aufgegriffen worden, so Ruth Müller. Am 15. April erschien in der Tageszeitung erstmals ein Artikel, in dem Ursula Weger, Schulleiterin am Gymnasium Seligenthal, vor den E-Shishas warnt – ihr und Prof, Dr. Ernst Fricke, Vorstand des Katholischen Schulwerks Bayerns, sei es zu verdanken, dass der Raum Landshut für dieses wichtige Thema sensibilisiert wurde.

Nach der Anhörung im Gesundheitsausschuss am 6. Mai war klar, so Müller weiter, „da kommt was auf uns zu": Die E-Zigarette und die „E-Shisha to go" sind nicht als Tabak-Produkt gekennzeichnet und unterliegen somit nicht der Abgabebeschränkung an Jugendliche unter 18 Jahren. Ebenso sind sie nicht dem Nichtraucherschutzgesetz oder dem Arzneimittelgesetz unterworfen. Damit ist der Verkauf an Jugendliche im Rahmen ihrer Geschäftsfähigkeit erlaubt. Auch die verwendeten Liquids, die zum Teil aus China kommen, unterliegen keinerlei Qualitätskontrolle, Inhaltsstoffe werden nicht deklariert.

Am 15. Mai stellte die SPD-Landtagsfraktion den Antrag, das Verbot von E-Shishas und E-Zigaretten in die Schulordnung aufzunehmen. Dieser Antrag wurde am 3. Juli von der CSU-Mehrheit im Gesundheitsausschuss im Konsens mit der bayerischen Gesundheitsministerin Huml abgelehnt, mit dem Hinweis, ein Verbot sei durch das Hausrecht der Schule abgedeckt. Am 10. Juli setzte sich auch in Berlin die Meinung durch, dass der Gesetzgeber nun tätig werden müsse und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) ließ erkennen, dass ein Verbot näher rücke.

„E-Shishas und E-Zigaretten- Keiner weiß was das ist, keiner kontrolliert es und keiner kann es verbieten. Sensibilisierung und Information sind dringend geboten", so fasste Ruth Müller die Intention zur Regionalkonferenz der niederbayerischen Landtagsabgeordneten abschließend zusammen.

Sucht- und Therapieberatung in Landshut

Das Landshuter Netzwerk e.V. feierte am Tag der Regionalkonferenz seinen 40. Geburtstag. Umso mehr freute es Geschäftsführer Jürgen Handschuch, die Gäste in seinem Haus begrüßen zu können. Ein wichtiges Aufgabengebiet des Landshuter Netzwerks seien die Suchtberatung und die ambulante Reha, wusste Handschuch zu berichten. Wobei die Problemfelder Alkohol, Essstörungen und Glücksspielsucht vom Angebot der Caritas in Bezug auf illegale Drogen in Landshut ergänzt werden. Handschuch erläuterte, dass die Problematik „E-Shishas und E-Zigaretten" in seinem Haus noch kein Thema seien, und freute sich umso mehr, Informationen aus erster Hand zu erhalten.

Suchtpotential und gesundheitliche Risiken

Bei seinen Ausführungen legte Prof. Dr. Hubert Hautmann besonderen Wert auf die bekannten Fakten im Zusammenhang mit E-Shishas und E-Zigaretten. Zuerst erinnerte der Mediziner daran, dass immer noch jährlich rund 5000 Menschen in Bayern an den Folgen des Rauchens durch Lungenkrebs sterben. Aus diesem Grund zeigte er sich erfreut von der Tatsache, dass insbesondere bei den Jugendlichen die Zahl der Raucher einen bemerkenswerten Tiefpunkt erreicht habe. Diese Entwicklung sieht Hautmann durch den Konsum von E-Produkten gefährdet. Außerdem stellte er die Frage in den Raum, ob wir wieder qualmende bzw. dampfende Menschen überall im öffentlichen Raum sehen und so den Erfolg der Nichtrauchergesetze aufs Spiel setzen wollen.

Doch zuerst beleuchtete Hautmann die Fakten in der kontroversen Diskussion um Schädlichkeit, Suchtgefahr und Raucherentwöhnung. Während beim Rauchen der Tabak bei 800 – 1100°C verbrannt wird und nur eine Zigarette, neben Teer und Kondensat (Schadstoffe und Gifte), rund 15 mg Feinstaub – „das ist die 45-Tage-Dosis am Mittleren Ring in München", so Hautmann – in den Lungen des Rauchers hinterlässt, werden die Liquids in der E-Zigarette bei rund 65°C verdampft. Beim Einatmen von E-Zigaretten wird ein Chemie-Cocktail inhaliert, vor dem Hautmann aber warnte: „Das enthaltene Propylenglykol kann die Atemwege reizen, wenn es regelmäßig eingeatmet wird. Das verwendete Formaldehyd ist krebserregend und einige der verwendeten Aromastoffe können Allergien auslösen". Tatsächlich warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vor möglichen Gesundheitsrisiken vor allem durch nicht wissenschaftlich untersuchte Inhaltsstoffe.

E-Shishas: Krebsforscher warnen vor krebserzeugenden Substanzen

Der Mediziner gab zu bedenken, dass es bislang keine Untersuchungen gebe, die zeigten, welche Langzeitfolgen die häufig wiederholte Inhalation dieses Chemikaliengemischs auf die Gesundheit der Jugendlichen hätten. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg habe sich erst Mitte März dafür ausgesprochen, «elektronische Inhalationsprodukte wie E-Zigaretten und E-Shishas genauso zu behandeln wie herkömmliche Zigaretten», wusste Hautmann zu berichten.

E-Zigaretten enthielten ähnliche Dosen an Nikotin, wie die bekannten Nikotinersatzmittel Pflaster und Kaugummi. Diese Produkte seien jedoch reguliert und nur in Apotheken erhältlich – das gleiche müsse auch für die nikotinhaltige E-Zigarette gelten, forderte Prof. Hautmann. Zwar hält der Mediziner E-Shishas und E-Zigaretten für insgesamt weniger schädlich als Tabak-Zigaretten, befürchtet aber gleichzeitig, dass die Produkte junge Menschen an den Tabakkonsum heranführen könnten. „Es gilt sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche nicht durch aggressives Marketing zum Konsum verführt werden. So werden die Raucher von morgen herangefüttert", wirft Hautmann den Tabakkonzernen vor. Gerade wegen der oft fruchtigen und süßen Aromen würden besonders Kinder und Jugendliche angesprochen. Vor allem beliebte Aromen wie Kirsche, Schokolade, Apfel oder Cola sprechen ausschließlich Kinder und Jugendliche an, „das kaufen keine Erwachsenen", so Hautmann weiter.

„Legal Highs" - Legal ist da gar nichts

Abschließend ging Professor Hautmann noch auf die sogenannten „Legal Highs" – den legalen Rausch - ein. „Legal ist da gar nichts", erklärte der Mediziner unmissverständlich. Nur weil die Drogen als Kräutermischungen, Badesalze usw. getarnt angeboten würden, seien sie nicht weniger Rauschmittel, als die Präparate an sich. „Das Problem liegt darin, dass die Inhaltsstoffe nicht aufgeführt und somit nicht als Betäubungsmittel deklariert werden und damit das Betäubungsmittelgesetz nicht greift".

Praxisbericht Schule

Zigaretten waren gestern. Heute sind E-Shishas der Trend unter Kindern und Jugendlichen. Die Hersteller werben mit der Harmlosigkeit der elektronischen Wasserpfeifen. In vielen Tabakläden und an Tankstellen sind die einem Kugelschreiber sehr ähnlichen Produkte bereits zu kaufen. "Wir als Schulleiter und Lehrer in Landshut hatten uns Sorgen gemacht, da man die gesundheitlichen Risiken der E-Shishas bisher nicht einschätzen kann", sagt Ursula Weger, die Schulleiterin des Gymnasiums Seligenthal. Aus Gesprächen mit ihren Schülern weiß sie, dass die als E-Shisha oder Shisha-to-go angebotenen Glimmstängel vor allem bei Schülern auf dem Weg zur Schule oder auf Partys beliebt seien – in der Schule werde eigentlich nicht viel konsumiert. „Hier werden Erfahrungen geteilt, Tipps und Tricks ausgetauscht. Wir mussten feststellen, dass selbst 13- bis 14-Jährige diese Produkte kauften und schon 6- bis 8-Jährige sie konsumierten, da haben wir als Schulfamilie reagiert", berichtete Schulleiterin Weger.

An ihrer Schule ist inzwischen der Konsum der Elektro-Wasserpfeifen auf dem Schulgelände untersagt. „Wir als Privatschule haben da ein wenig mehr Spielraum, die Hausordnung zu gestalten. Die staatlichen Schulen sind auf die Schulordnung (GSO) angewiesen. Nach GSO §39 ist ein Verbot schwierig. Lediglich Alkohol und das mitführen gefährlicher Gegenstände ist verboten – eine E-Shisha fällt da bestimmt nicht darunter. Bei den Handys kommt die „Störung des Unterrichts und der allgemeinen Ordnung" zum Tragen – das allein kann auch beim Benutzen der E-Shishas greifen. Außerhalb des Schulgeländes sei dem Konsum der E-Shishas dagegen nach jetziger Gesetzeslage kaum beizukommen.

aa tisch breit

Die Zahl der im Internet angebotenen E-Zigaretten-Sorten ist enorm. Allein zwischen August 2012 und Januar 2014 sind monatlich zehn Marken und 242 Geschmacksrichtungen neu auf den Internetmarkt gekommen. Im Januar 2014 wurden insgesamt 466 Marken auf eigenen Webseiten beworben. 7764 Geschmacksrichtungen waren erhältlich, darunter Tabak, Menthol, Frucht oder Alkohol.

"Die Produkte gaukeln gezielt Harmlosigkeit vor"

„Kinder machen das nach, was sie bei den Älteren sehen und cool finden – auch wir hatten früher die Schokoladen-Zigaretten im Mund, um cool zu sein, auch wenn die Schokolade nun wirklich nicht besonders gut war", erinnert Weger die Zuhörer an ihre Jugendzeit. „Die Kinder nuckeln heutzutage nicht mehr an der Schokoladen-Zigarette, sondern an E-Shishas. Das ist der erste Weg zum Rauchen oder Kiffen." Die Entwicklungen der Konsumindustrie machten den Schulen immer mehr Probleme. Die Schuldirektorin wollte dem neuen Trend ein Ende setzen, informierte auch die Eltern mittels eines Elternbriefes.

Auch Ursula Weger fragte am Ende ihrer Ausführungen: „Brauchen wir E-Shishas für unsere Kinder?" und verwies ebenfalls wie ihre Vorredner auf die gesellschaftliche Komponente des Problems. Eine Rückkehr des Rauchens und Qualmens in das tägliche Erscheinungsbild unserer Gesellschaft will die ambitionierte Schulleiterin nicht und verwies auf den Erziehungsauftrag und die Fürsorgepflicht der Schule. Sie forderte die Politik auf, die Gesetzeslücke zu schließen und die Bayerische Schulordnung entsprechend zu novellieren, wobei sie aber vor einer Kriminalisierung der E-Shishas und ihrer Fans warnte. „Vielleicht sind E-Shishas nicht so gefährlich wie Komasaufen, aber jedes neue Suchtmittel ist eines zu viel – und auf eine Selbstbeschränkung des Handels zähle ich nicht, dafür wird viel zu viel Marketing für die E-Shishas betrieben", so Weger am Ende ihrer Ausführungen.

Zwei Präventionsbeamte für rund 25.000 Schüler

Zu Beginn der anschließenden Diskussionsrunde wollten Politiker und Referenten zuerst die Einschätzung der Polizei erfahren. Johannes Schimpfhauser, einer der beiden Präventionsbeamten der Polizeiinspektion Landshut und damit zuständig für rund 25 000 Schüler, berichtete, dass er erst vor rund einem Jahr bei einer Schulung mit dem Problem der E-Shishas konfrontiert wurde. Dort konnte über Inhalt und Folgen der verdampften Liquids noch keine Aussage getroffen werden, so Schimpfhauser. Der Beamte zeigte sich erleichtert über das heute gehörte, insbesondere über die Gefährlichkeit und das Suchtpotential der E-Shishas und E-Zigaretten. Auch er sah das Hauptproblem im „Anfüttern von Jugendlichen zum Rauchen" und den Trend zurück zum Qualmen. Der Präventionsbeamte warnte in diesem Zusammenhang vor dem einfachen „Mal-Probieren" und erinnerte an den Einsatz von K.O.-Tropfen.

Weitere Diskussionsbeiträge drehten sich um die Aufklärung, erfolgversprechende Präventionsmöglichkeiten und den Erziehungsauftrag der Schulen im Kontext der Selbstverantwortung der Eltern.

Die Kelheimer Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer, bedankte sich abschließend für die interessanten Vorträge und die rege Diskussion. Die Ausführungen der Fachleute hätten auch aufgezeigt, dass den E-Shishas und E-Zigaretten, ebenso wie anderen Drogen, die Attraktivität und das Kult-Potential genommen werden sollte. „Eltern und Erzieher müssen wissen, was das ist und wo die Gefahren liegen. Selbstbewusstsein und soziale Integration können Kinder für diese Produkte immun machen. Wir sollten alle darauf achten, dass weder Rauchen, noch Qualmen oder Dampfen nicht über diese Hintertüre wieder gesellschaftsfähig wird", so Werner-Muggendorfer.

 
 

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